Petra Zimmermann

 

Warum fehlt der Nachwuchs im Handwerk?

Die Zukunft des deutschen Handwerks ist so gefährdet wie nie: Jeder vierte Betrieb will laut Umfrage des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) nächstes Jahr weniger Auszubildende einstellen. Gleichzeitig hat sich die Zahl der unbesetzten Ausbildungsplätze in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht. Warum finden Betriebe und Azubis nicht zusammen? Aktuelle Studien, erfahrene Handwerker und Nachwuchsberater haben die Antworten.

 

„Passungsprobleme“ als Hauptgrund nennt die Bertelsmann Stiftung, die den "Ländermonitor berufliche Bildung" der Universität Göttingen 2019 veröffentlichte: Er zeigt die Gründe, warum potenzielle Azubis und Betriebe nicht zusammenfinden. Die Wissenschaftler nennen dabei drei Problemlagen:

1.   Passungsprobleme, weil Betriebe die Bewerber für nicht geeignet halten oder umgekehrt die Bewerber den Betrieb nicht für attraktiv genug halten: Das betrifft mit 44 Prozent knapp die Hälfte der unbesetzten Lehrstellen. Am meisten geschehe dies im Einzelhandel.

2.   Bewerber fehlen: Bei einem Drittel der Betriebe, die ihre Lehrstellen nicht besetzen können, gibt es schlicht und einfach keine Bewerber in dem betreffenden Ausbildungsberuf. Dies betrifft besonders Branchen wie das Lebensmittelhandwerk oder das Hotel- und Gastronomiegewerbe.

3.   Fehlende Mobilität: Knapp ein Viertel (23 Prozent) der unbesetzten Stellen blieb frei, weil die potenziellen Bewerber in anderen Regionen leben und für den Ausbildungsplatz nicht ihren Wohnort wechseln. Dies betrifft laut der Studie in besonderem Maße Bayern und Sachsen.

4.   Schulabschluss und Herkunft: Hauptschüler bekommen immer weniger Chancen auf eine Lehrstelle. 2017 begannen lediglich 37 Prozent von ihnen direkt nach Verlassen der Schule eine duale und weitere 10 Prozent eine schulische Ausbildung. Schlechte Chancen bei der Ausbildungsplatzsuche haben außerdem Bewerber mit ausländischer Staatsbürgerschaft. Nur 44 Prozent von ihnen konnten direkt eine Ausbildung aufnehmen.

Falsche Vorstellungen

Wie beeinflusst das Bild, das Jugendliche von Handwerksberufen haben, ihre Berufsorientierung und Berufswahl? Der heutige Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer der Pfalz Till Mischler befragte 2017 für seine Dissertation fast 2.000 Schülerinnen und Schülern. Die Ergebnisse zeigten, dass viele Jugendliche veraltete Bilder von Handwerksberufen haben, die Berufe durch falsche Vorstellungen als wenig attraktiv wahrnehmen und den Grad der technischen Neuerungen im Handwerk unterschätzen. Obwohl die Befragungen ergab, dass sich die Jugendlichen gute Chancen ausrechnen, einen Ausbildungsplatz im Handwerk zu finden, konnten sich lediglich 17% der Schüler (darunter 27% der männlichen und nur 7% der weiblichen) vorstellen, später eine Ausbildung im Handwerk zu machen. 47% lehnten diesen Karriereweg ab, immerhin 35% reagierten mit „vielleicht“. Waren die Eltern selbst handwerklich tätig und/oder gab es viele Handwerker im näheren Verwandten- und Bekanntenkreis, stieg die Wahrscheinlichkeit, dass auch die Kinder das Handwerk als positive Berufsperspektive wahrnehmen. Zusätzlich spielten auch die Bildungserwartungen eine Rolle: wünschten sich die Eltern, dass ihre Kinder die Abiturprüfungen ablegen und ein Studium aufnehmen, sinkt die Affinität zum Handwerk. Naturgemäß wünschten sich viele Jugendliche Anerkennung und Identitätsstiftung im Zusammenhang mit ihrem späteren Job. Das Handwerk strahlte hier jedoch nur wenig Anziehungskraft aus. [1]

Finanzielle Unterstützung nötig

Sinkende Azubi-Zahlen bedeuten auch sinkenden Fachkräftenachwuchs. Darüber macht sich ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer ernsthafte Sorgen in einem Gastbeitrag im NordHandwerk: „Viele im Handwerk haben alle Hände voll zu tun, um ihren Betrieb zu erhalten und für die Zukunft zu sichern. Doch Zukunftssicherung gelingt nur, wenn Ausbildung weiter stattfindet. Viele Betriebe brauchen dafür Unterstützung. Gemeinsam müssen wir die verbleibenden Monate bis zum Start des neuen Ausbildungsjahres nutzen, um Lösungen für die aktuelle Situation zu entwickeln. Unsere Vorschläge: Wir brauchen dort eine Entlastung bei Ausbildungskosten und Kurzarbeit, wo wegen pandemiebedingter Maßnahmen eine Unterbrechung der Ausbildung unvermeidbar wird. Wir müssen die Angebote zur Berufsorientierung auf digitale Kanäle verlagern, SchülerInnen noch stärker als bisher online ansprechen und beraten. Wir brauchen einen Ausbildungszuschuss als motivierenden Anreiz für Betriebe, die ausbilden. Nichts ist schwieriger, als einen Betrieb, der einmal seine Ausbildung eingestellt hat, wieder zurück ins Boot zu holen.“

Allianz für Aus- und Weiterbildung

In der Coronakrise könnte sich so manches angeschlagene Unternehmen überlegen, ob es noch Auszubildende einstellen - oder übernehmen kann. Um ihnen trotz Konjunkturflaute zu helfen, haben sich Bund, Länder, Wirtschaft und Gewerkschaften zusammengetan. Die sogenannte Allianz für Aus- und Weiterbildung hat gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit verschiedene Schritte vereinbart, um einen Einbruch auf dem Lehrstellenmarkt zu verhindern. So sollen Betriebe, die Azubis von insolventen Firmen übernehmen, eine staatliche Prämie bekommen. Zudem soll die Beratung von Jugendlichen und Betrieben noch gezielter werden - auch mit mehr digitalen Formaten. Die Übernahmeprämie soll es zunächst befristet bis Ende 2020 geben.

Probleme sind hausgemacht

Kreishandwerkermeister Holger Winkler meint, viele der Nachwuchsprobleme im Handwerk seien hausgemacht, das Negativklischee teilweise selbst verschuldet. "Es gab schon immer die Firmen, die nur ausbilden, um billige Arbeitskräfte zu haben. Und in denen die Azubis immer die gleiche Arbeit machen müssen.“ Engagement von Azubis und später von Gesell(inn)en funktioniere nur durch gegenseitige Wertschätzung, indem man die Mitarbeiter, gerade auch die Azubis "fordert und fördert" und ihnen Perspektiven biete. Außerdem würde die Aussagekraft von Bewerbungsmappen überschätzt, so „Nachwuchsberater“ Thorsten Schröder, jede(r) dritte Chef(in) sei nicht gut auf Bewerbungsgespräche vorbereitet, diese würden falsch geführt und die Überzeugungskraft im Handwerk müsse besser werden. Ein freundlicher Auftritt, ein Tag der offenen Tür oder ein gut gemachtes „Willst Du ein Praktikum bei uns?“-Formular auf der Website wären ein Anfang, reichen aber vielleicht nicht aus.

Neue Wege um Nachwuchs zu finden

Tobias Schmidt, Leiter der Ausbildungsberatung der Handwerkskammer (HWK) Dortmund sagt klar, was Betriebe heute dafür tun müssen: „Sie müssen klar kommunizieren, warum es sich lohnt, bei ihnen ausgebildet zu werden. Am besten mit digitalen Medien, weil die jungen Leute nun einmal primär dort unterwegs sind und sich informieren. Parallele Angebote wie Doppelqualifizierung und Auslandspraktika, Teilnahmen an Wettbewerben und betriebliche Benefits steigern die Attraktivität eines Ausbildungsunternehmens natürlich deutlich. Gleichzeitig muss ein Betrieb, der Auszubildende sucht, sich stark vernetzen, um bei der Findung zu punkten Sie können sich an Vermittlungsprojekten beteiligen, Schulpartnerschaften pflegen oder mit der Arbeitsagentur und Bildungsträgern kooperieren.“

Selber aktiv werden

Handwerksmeister Uwe Schäffer hat erfolgreich seine Kommunikation professionalisiert: „Besonders die sozialen Netzwerke bieten großes Potenzial. Bei Facebook, Instagram, YouTube und Co. können Einblicke in das Firmenleben gegeben werden: Bilder aus der Werkstatt oder vom Baustellenalltag oder Vorher-Nachher-Fotos wecken das Interesse der jungen Leute. Auch eine informative Internetseite ist sehr wichtig geworden. Mittlerweile haben wir sogar eine eigene Wohlfeil-App, über die wir News veröffentlichen, so auch Stellenanzeigen.“

Regionale Initiativen

Manche Bundesländer ergreifen die Initiative, wie z. B. NRW: Hier helfen Portale wie z. B. www.kaoa-praxis.de, den Kontakt zu potentiellen Bewerbern herzustellen. Oder die mehr als 70 NRW-Talentscouts, die besonders engagierte Schülerinnen und Schüler aus weniger privilegierten Verhältnissen auf ihrem Weg in Beruf und Ausbildung begleiten. Die „Qualitätsinitiative betriebliche Ausbildung“ (QiA) von der Handwerkskammer (HWK) Dortmund hat das Ziel, Fachkräfte und Nachwuchs durch Verbesserungen in der Ausbildung zu sichern. Oder Kooperationen von Wirtschaftsförderung und Kreishandwerkerschaft, wie z. B. in Karlsruhe: Mit der craft.ROADSHOW touren Handwerker durch die Schulen und gebe Jugendlichen ab der 7. Klasse, die Möglichkeit, sich schon früh ausführlich und unvoreingenommen über ihre persönlichen Karrierechancen im Handwerk zu informieren.

Also heißt die Devise „Selber aktiv werden“ und sich mit anderen zusammenschließen, um sein eigenes Handwerk besser zu präsentieren und junge Menschen dafür zu interessieren.

 

Nachgeforscht: Wie tickt die Generation Z ?

Forscher des Instituts für Generationenforschung beschäftigen sich eingehend mit den jungen Generationen, wer hier mehr erfahren will oder eine Keynote für eine Veranstaltung braucht: https://www.generation-thinking.de/

Das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA) unterstützt kleine und mittlere Unternehmen darin, Fachkräfte zu finden und zu binden, mehr Infos unter https://www.kofa.de/. Hier werden per Laufband deutsche regionale Initiativen zur Fachkräftesicherung vorgestellt.

 



[1] BIBB Bundesinstitut für Berufsbildung (Hg.) mit Till Mischler: Die Attraktivität von Ausbildungsberufen im Handwerk. Eine empirische Studie zur beruflichen Orientierung von Jugendlichen 2017.

 

 

So oder ähnlich können wir für Sie tätig werden.....

 

Sie suchen bestimmte Informationen?

Sie wollen mehr über Ihre eigene Geschichte wissen?

Es interessiert Sie, was wo wann und warum passiert ist? Wir finden es für Sie heraus....

 

Denn journalistische Recherche bezeichnet das eigenständige Beschaffen von Informationen. Sie sammelt möglichst vielfältige Informationen, die ein bestimmtes Thema aus unterschiedlichen und widerstreitenden Blickwinkeln beleuchten, um so eine ausgewogene Berichterstattung zu ermöglichen. Im Idealfall sollte jede Information, die in journalistische Arbeit einfließt, durch Recherche abgesichert werden.

(Quelle: Definition wikipedia)

Das Redaktionsbüro unter der Leitung von Petra Zimmermann bietet

  • TEXT (Broschüren, Artikel, Fachbeiträge, Lehrhefte, Redemanuskripte, Ratgeber, Buchtexte)
  • RECHERCHE (Internet und Quellen)
  • LEKTORAT (Fachtexte aus Medizin, Bildung und Wissenschaft, Abschlussarbeiten)
  • ONLINE-REDAKTION (Website-Pflege und -Erstellung)
  • FOTO * GRAFIK * KREATION aus unserem Netzwerk-Pool
  • VERMITTLUNG von Fachautoren, Dozenten und Trainern
  • BERATUNG und WISSENSTRANSFER

 

text-tipp Redaktionsbüro | Schleswiger Straße 30 | 48147 Münster

E-Mail: texttipp@t-online.de |  Mobil: +49 (0) 173 377 24 30

www.text-tipp.de